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02.09.2011 / Test: Bowers & Wilkins PM1 / Martin Freund

KLANGLICHES KLEINOD

Wenn B&W eine Neuheit ankündigt, dann horcht die Fachwelt auf. Denn die Briten sind nicht gerade für innovationsflut bekannt. So waren wir denauf die pm1, einen wunderschönen kleinlautsprecher, mehr als gespannt. Bei der neuen PM1 handelt es sich um einen audiophilen Kompaktlautsprecher, der mit aussergewöhnlicher Optik und wertigem ­Finish aufwartet.

 

Damit könnte sie problemlos als Designbox durch­gehen. Für Bowers & Wilkins gilt jedoch grundsätzlich: Form follows function. So ist schön anzusehen, dass die Front nahtlos in den Gehäuse­deckel übergeht und der Hochtöner sich in die sanfte Rundung einschmiegt. Und auch, dass die massiven Seitenwände in dunklem Mokka für diskrete Eleganz sorgen. All dies dient letztlich jedoch auch der Funktion. Lediglich die Zierumrandungen bei Hochtöner und Front­bespannung dürfen als reine Designelemente durchgehen. Trotzdem – oder gerade deshalb – strahlt die PM1 einen zurückhaltenden, vornehmen Charme aus, der mit seriösem Unterton daherkommt: Diese Box will ernst genommen werden.

 

Fortschritt im Detail

Ein Hauptaugenmerk bei der Entwicklung galt dem Hochtöner. Obwohl man sich für die PM1 eine Diamantkalotte nicht leisten konnte, kamen Erkenntnisse aus deren Entwicklung zum Einsatz. So wurde die Mate­rialresonanz der eingesetzten Aluminiumkalotte mit einer aufwendigen Dämpfungsmassnahme – nämlich indem ein Kohlefaserring hinten am Übergang zur Schwingspule aufgeklebt wird – nach oben verlegt. Dadurch zeigt die Membrane erst bei 40 Kilohertz sogenanntes Ringing: unkontrollierbare Partialschwingungen, die zu scharfem Klang im Hochtonbereich führen, wenn sie nahe am hörbaren Bereich auftreten. Ähnlich wie bei der Diamantkalotte, die sogar erst bei 70 kHz aufbricht, resultiert daraus eine reinere Wiedergabe – nämlich praktisch ohne ­materialbedingten Eigenklang des Schallwandlers. 

Der strömungsoptimierte Gusskorb und eine hinterbelüftete Schwingspule zeichnen den filigranen Tiefmitteltöner aus.

 

Damit gaben sich die britischen Ingenieure aber nicht zufrieden. Mit einer neu entwickelten Sicke verbesserten sie das Bündelungsverhalten der Kalotte im Obertonbereich: So strahlt diese nun oberhalb von 10 kHz seitlich mehr Schallenergie ab, was erfahrungsgemäss den räumlichen Klangeindruck verbessert. Da diese Massnahme auf Kosten des Wirkungsgrads geht, hält ein zusätzlicher Magnet die Schwingspule auf Trab. Der Rest dieses Hightech-Hochtöners schlägt in die Art der Nautilus-Reihe – inklusive effizienter Eliminierung des rückwärtig abgestrahlten Schalls über eine sich verengende Röhre.

 

Kaum sichtbar unter den vielen Zutaten: Ein Kohlefaserring klebt an der Kalotte und bedämpft die Materialresonanz.

 

 

Gernegross

Aus einem filigranen 13-Zentimeter-Chassis druckvollen Bass und sauberen Mittelton zu zaubern, ist ein Kunststück, über das sich Ingenieure oft den Kopf zerbrechen. In der PM1 kommt zwar wie bei der CM1 aus gleichem Hause eine Kevlarmembrane zum Einsatz. In deren Zentrum findet sich anstelle einer gewöhnlichen Staubschutzkalotte ein direkt mit dem Schwingspulenende verklebter „Anti-Resonanz-Plug“, welcher einerseits die bewegte Masse der Membrane erhöht, andererseits Par­tialschwingungen zusätzlich bedämpft. Eine neu entwickelte Langhubsicke bildet die Grundlage für den beachtlichen Tiefgang bis hinab zu 48 Hertz (–3 Dezibel).

 

Damit sich der Treiber dynamisch entfalten kann, arbeitet er in einem aufwendig nach B&W-typischer Matrix-Art stabilisierten Gehäuse. Dieses sorgt einerseits für einen geringen Verlustfaktor – wichtig für ein gutes Ansprechverhalten im Bass – wie auch für eine hinsichtlich der Verfärbungsarmut wirksame Reduktion von Grund- und Mitteltonresonanzen.

 

Phasenkohärenter Aufbau

Von jeher ist die punktförmige Schallquelle mit einheitlichem Phasengang ein Idealziel von Lautsprecherentwicklern. Koaxiale Treiber nehmen dieses Attribut denn auch gerne für sich in Anspruch. Schaut man genauer hin, so erfüllt längst nicht jede Konstruktion den hehren ­Anspruch. Der Grund: Passive Frequenzweichen sorgen oft für Phasensprünge beim Übergang vom Tiefmittel- zum Hochtöner. Die PM1 nähert sich dem Ziel auf andere Weise. Die beiden Treiber verfügen an sich schon über einen weitgehend perfekten Frequenzgang, sodass sie nur noch mit phasenschonenden Filtern erster Ordnung elektrisch getrennt werden. Der gerundete Gehäusedeckel erlaubt eine sehr nahe Platzierung der beiden Membranen zueinander – und realisiert somit fast ein akustisches Zentrum – sowie eine optimierte Impulsantwort: Die verschiedenen Frequenzanteile von Musiksignalen sollen annähernd synchron beim Zuhörer ankommen. Beides sollte sich in der Theorie zugunsten einer homogenen Wiedergabe auszahlen. Tatsache ist, dass sich im Signalweg des Hochtöners nur ein einziges Bauteil findet: ein sündhaft teurer, ölgetränkter Kondensator des deutschen Edelherstellers Mundorf. Den Tieftöner begrenzt lediglich eine klirrfreie Luftspule – puristischer geht es nicht.

 

Lediglich ein hochwertiger Kondensator sowie eine verzerrungsfreie Luftspule machen die puristische Frequenzweiche komplett.

 

Lohn der Anstrengung

Wer sich mit den technischen Unterlagen der PM1 beschäftigt, realisiert, wie viel Detailverbesserungen in diese einflossen. Aber zahlen sich diese auch klanglich aus? Die Antwort fällt eindeutig aus: Die kompakte Box tönt tatsächlich wie aus einem Guss – und auch viel erwachsener, als es ihre Abmessungen vermuten lassen. Sie setzt selbst einen Konzertflügel mühelos und herrlich dynamisch in Szene. Von Klein-lautsprechern ist man es ja gewohnt, dass sich das Klanggeschehen sehr gut von den Boxen löst und im Raum entfaltet. Die PM1 setzen hier aber noch eins drauf und verblüffen mit einer plastischen Abbildung, die ­ihresgleichen sucht. Am besten stellt man sie nicht zu weit auseinander und parallel, ohne Anwinklung zum Hörplatz, auf. Hockt man sich nun ins gleichschenklige Dreieck, so geniesst man eine holografische Darbietung, die viel weiter in die Tiefe und Breite reicht, als es ein so gedrängtes Setting vermuten liesse. Damit kommt man selbst in kleineren Räumen zu einem grossartigen Musikerlebnis.

 

Auf dem optionalen Ständer wirken die PM1 zwar nicht mehr so filigran, dafür freuen sie sich über einen ­äusserst stabilen Halt.

 

Wie von B&W gewohnt, zeigt auch die PM1 schöne und diffe­renzierte Klangfarben ohne künstlich aufgesetzte Höhenlichter. Ver­färbungen kennt sie kaum. Nur der Vergleich mit einer 804 Diamond offenbart eine kleine „Schwäche“: Im Präsenzbereich hält sich die PM1 minimal zurück, wodurch etwa Frauenstimmen leicht dunkel timbriert daherkommen. Dies ist ein beliebter Trick bei der Abstimmung audiophiler Kleinlautsprecher, um sie nicht zu vordergründig oder gar aufdringlich klingen zu lassen. Solcher Tendenzen enthält sich die PM1 denn auch vollständig und agiert dennoch ausnehmend klar und leichtfüssig. Komplexe perkussive Passagen bringt sie vital und rhythmisch; selbst vor dem Orchestergetümmel einer spätromantischen Sinfonie kapituliert sie nicht, sondern behält bis zu höheren Pegeln den Überblick. Gleiches gilt für akustischen Jazz, wo sie einem gezupften Kontrabass erstaunlich tiefreichend und konturiert sein Klang-Fundament baut.

 

Fazit

Filigrane Leichtigkeit, gepaart mit einer absolut unaufdringlichen, dennoch fein auflösenden Gangart, macht die PM1 zum veritablen klang­lichen Kleinod bei sämtlichen Musikstilen. Dass sie darüber hinaus den Hörraum zum Konzertsaal oder Tonstudio hin öffnet, dürfte sie für ­designbewusste Musikliebhaber fast unwiderstehlich machen.

 

 

 

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