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05.05.2012 / Test: Musik-Streaming-Dienste / Sven Hansen

MUSIC NON STOP

Als Kraftwerk in den 80ern ihr sonores „Music Non Stop“ intonierten, waren die Zuhörer noch weit davon entfernt, in einem „Ozean aus Musik“ zu schwimmen. Ein Viertel­jahrhundert später lösen Musik-Flatrates das Versprechen des unbegrenzten Musikgenusses ein.
 

MP3-Spieler waren schon eine feine Sache. Nie zuvor konnten Musikfreunde so viel Musik mit sich herumtragen – der Speicher war das Limit. Doch seit geraumer Zeit laufen die immer potenteren Smart­phones dem klassischen MP3-Spieler den Rang ab: Musik hört man heutzutage auf dem Smartphone.

 

Wer das Telefon ganz traditionell mit einer Player-Software vom PC aus mit Musik befüllt, hat dabei wenig gewonnen: Für die meisten Menschen ist das Verwalten und Verschieben ihrer MP3-Sammlung auf das mobile Abspielgerät eher lästig.

 

Das ändert sich, sobald man sich die Netzwerkfähigkeiten moderner Smartphones zunutze macht und die Musik einfach streamt, statt sie direkt auf das Gerät zu übertragen. Wir haben vier Anbieter von Musik-Flat­rates getestet, die ihren Kunden im Abo-Verfahren gegen ein monatliches Entgelt einen Zugriff auf Millionen Musiktitel gewähren, die sich über den PC, das Mobiltelefon oder andere Musiksysteme abrufen lassen.

 

Flatrate

Der Katalogumfang der vier Anbieter umfasst zwischen 10 und 16 Millionen Titel. Die Unterschiede in den Katalogen sind schwer auszumachen. Einzig Deezer erlaubt wegen seiner Herkunft einen tieferen Einblick in die französische Musikszene mit dem Nouvelle Chanson oder französischem Elektropop. Nicht schön: Deezer zeigt in seinem Webportal auch Titel an, deren Rechte der Dienst in der Schweiz nicht innehat. So hat man das gewünschte Album scheinbar gefunden, der Abspielversuch wird dann aber mit einer Fehlermeldung quittiert.

 

Deezer bietet als einziger Dienst auch eine Upload-Möglichkeit für eigene MP3-Dateien, die danach ebenfalls im Streaming-Verfahren verfügbar sind. Eine Kombination aus beiden Verfahren – Abgleich und gegebenenfalls Upload bei fehlenden Dateien – findet man bei keinem der Musikdienste.

 

Der monatliche Preis für die mobile Musik-Flatrate liegt bei fast allen Anbietern bei 12.95 Franken. Viele Anbieter haben einen günstigen Einstiegstarif für 6.45 Franken, bei dem man die Musik dann ausschliesslich über einen PC hören kann – entweder per Webbrowser oder über eine Desktop-Software.

 

Die Anbieter der Musik-Flatrates arbeiten verstärkt mit Facebook zusammen. Bei Spotify und Deezer ist ein Facebook-Account sogar zwingend.

 

 

Simfy und Spotify lassen sich auch gratis nutzen – allerdings mit Werbeunterbrechungen und einer Begrenzung der maximal abspielbaren Titel. Auch die Premium-Angebote kann man bei fast allen Diensten für einen begrenzten Zeitraum kostenlos nutzen. Die Bezahlinformationen muss man meist zuvor hinterlegen. Eine Neuanmeldung ist bei Deezer ausschliesslich mit einem gültigen Facebook-Account mög­lich. Rara gewährt statt eines kostenlosen Tests nur eine preisreduzierte Startphase von drei Monaten, hier muss man auf der Homepage auf das Kleingedruckte achten.

 

Deezer verhält sich vorbildlich, wenn es um die Verlängerung eines Probe­abos geht: Bei diesen Diensten muss man es aktiv in ein reguläres Bezahlabo umwandeln. Bei Rara, Simfy und Spotify muss man hingegen aktiv kündigen, wenn man nach Ablauf des Tests kein Abonnement haben möchte.

 

Bei Rara muss man auf das Kleingedruckte achten. Nach drei Monaten wird das Streaming-Schnäppchen zum 6-Franken-Abo.

 

 

Klienten

Hat man sich für einen Premium-Zugang eines Angebots entschieden, kann man die Musik theoretisch über beliebige mit dem Internet verbundene Geräte abrufen. Bis auf Spotify erlauben alle Anbieter den bequemen Zugriff über PC oder Notebook – einen aktuellen Browser vorausgesetzt.

 

Spotify setzt am Rechner ausschliesslich auf seine gleichnamige Abspielsoftware, die für Windows, Mac OS X und Linux zu haben ist. Auch Simfy lässt sich über optional erhältliche Player-Software nutzen. Gegenüber dem Browser bietet sie oft ein paar Vorteile: So kann man zum Beispiel Titel für die spätere Offline-Nutzung speichern – praktisch, wenn man auf Reisen ist. Die offline gespeicherte Musik ist dabei nicht frei zugänglich, sie liegt DRM-geschützt vor und lässt sich nur über die jeweilige Software abspielen.

 

Will man Musik mit dem Handy hören, haben Besitzer eines Android-Gerätes die freie Wahl: Alle Dienste haben eine entsprechende App im Market stehen. Die iOS-Familie, bestehend aus i-Geräten, wird ebenfalls breit unterstützt, es fehlt allerdings die App für Rara. Sie soll demnächst nachgeliefert werden. Die App von Spotify laufen auf dem iPad nur hochgezoomt im Kompatibilitätsmodus, die anderen Dienste haben eine schicke HD-Version fürs iPad.

 

Die Unterstützung weiterer Mobilgeräte ist eher lückenhaft. Deezer und Spotify sind auch auf Windows Phone 7 vertreten – Deezer, Simfy und Spotify auch auf Blackberry-Smartphones. Die mit Abstand breiteste Unterstützung bieten Deezer und Spotify. In ihrer Liste kompatibler Geräte stehen auch Geräte mit Samsungs Bada oder Symbian OS.

 

Wer die Musik-Flatrate im Wohnzimmer nutzen möchte, kann einige Musikportale auch über vernetzte Unterhaltungselektronik anzapfen. Hierzu zählen die spezialisierten Musikverteilsysteme von Logitech, Philips, Sonos, aber auch vernetzte Heimkino-Receiver, Blu-ray-Spieler oder ausgewählte Fernsehgeräte.

 

Klangqualität

Geht es um den guten Klang, stellt sich die Situation beim Musikhören am PC einfach dar: Bandbreite spielt meist keine Rolle, die Dienste müssen sich also von der übertragenen Bitrate her nicht einschränken.

 

Dennoch sind die Unterschiede gravierend. So setzt Rara auch am PC das eher in der mobilen Welt verbreitete High Efficiency AAC (HE-AAC) mit 48 kBit/s ein. Der Codec ist dank der von MP3pro bekannten Spectral Bandwith Replication (SBR) zwar äusserst effizient, kann aber beim nachträglichen Wiederherstellen der hohen Frequenzanteile unschöne Artefakte produzieren. Die beste Qualität liefern Simfy und Spotify, die allesamt Bitraten bis 320 kBit/s ausliefern, Spotify sogar im dem MP3-Format überlegenen Ogg Vorbis. Ob man hier in jedem Fall 320 kBit/s bekommt, hängt von den Labels ab, die manches Material nur mit 192 kBit/s anliefern.

 

Will man unterwegs Musik hören, sieht es schon anders aus. Die meisten Provider drosseln ihre Daten-Flatrates nach dem Erreichen eines bestimmten Volumens. Bei 320 kBit/s kommen pro Stunde stattliche 144 MByte Datenvolumen zustande – wer jeden Tag einen Live-Stream auf dem Weg zur Arbeit hört, hat da schnell sein Limit erreicht. Mit Rara ist man beim Live-Streaming mit 48 kBit/s mobil am sparsamsten unterwegs. Die grösste Auswahl und auch Kontrolle bietet die Spotify-App unter iOS: Hier kann man im Einstellungsmenü jeweils eine Wunsch-Bitrate für das Streaming- und das Speichern von Offline-Dateien festlegen, die Option „Extreme“ entspricht der maximalen Bit-rate von 320 kBit/s. Android-Nutzern erlaubt der Dienst kurioserweise nur bis zu 160 kBit/s als Stream oder Download. Die Offline-Funktion ist neben effizienten Codecs die zweite Möglichkeit, seinen Mobilfunktarif zu schonen: Sie ist bei allen getesten Apps der Portale zu finden.

 

Bei einem Hörtest mit einem Smartphone ergaben sich deutliche Unterschiede: Die „Prelude“ aus Barenboims „Rheingold“-Einspielung von Wagners „Ring“-Trilogie (2005) plätscherte bei Simfy und Spotify erfreulich klar durch die Ohrhörer. Bei Rara ergänzte der SBR-Algorithmus die Streicher durch einen psychoakustischen Nadeldrucker, der im Orchestergraben eigentlich nichts zu suchen hat. Deezers AAC-Encoder schien von den sich aufschaukelnden Streichern im Schlussteil überfordert und lieferte nur noch unschönes Blubbern.

 

 

Deezer

Die Startseite des Deezer-Webportals ist etwas unübersichtlich geraten – hat es aber in sich. So versteckt sich hinter einem unscheinbaren Plattenteller-Logo im Player-Fenster ein komplettes DJ-Deck, mit dem man Songs live mixen kann. Der Offline-Modus am PC war zum Testzeitpunkt nicht verfügbar. Nach Angaben von Deezer soll er bis Ende März implementiert worden sein und sich dann ausschliesslich über Googles Chrome-Browser nutzen lassen. Damit wäre Deezer der einzige Dienst, der das Abspeichern für die Offline-Nutzung direkt im Browser ohne zusätzliche Software erlaubt.

 

Auf der Deezer-Homepage kann man sich auch als DJ betätigen.

 

 

Der Bereich der automatisch erzeugten Radiostationen ist schon jetzt einen Besuch wert: Hier kann man die Maus über Künstler-Porträts verschiedener Genres gleiten lassen oder über die Eingabe eines Lieblingskünstlers eine personalisierte Radiostation starten. Das System reagiert angenehm flott auf Eingaben und lässt sich durch Abwählen weniger schöner Titel an den eigenen Geschmack anpassen.

 

Für iOS liefert Deezer eine hübsch aufbereitete App – besonders in der HD-Version fürs iPad macht das Surfen durch den Musikkatalog Spass. Android-Nutzer müssen sich dagegen eher mit einer Magerver-sion begnügen – selbst auf Android-Tablets mit grossem Display kann man den Dienst nur im Listenmodus durchblättern.

 

Rara

Der britische Anbieter Rara will sich nach eigenen Angaben von den Musiksuchdiensten im „Excel-Listen“-Stil abheben und seine Kunden vor allem schnell unterhalten – ohne langes Suchen. Die Flash-basierte Website ist etwas kunterbunt und unübersichtlich geraten – der Nutzer kann zwischen 16 bonbonfarbenen Hintergründen wählen. Eine Stärke sind die zahl­reichen vorgefertigten Abspiellisten. Über den Button „Launen“ stehen allein 21 verschiedene Stimmungen zur Wahl – von „mir geht’s prima“ bis „ich weine gleich“, hinter denen sich Abspiellisten mit jeweils 40 Titeln verbergen.

 

Die Android-App von Rara führt das Konzept fort. Die Startseite bietet gleich acht Möglichkeiten der automatischen Bespassung per Playlist an – die Suchfunktion ist rechts oben in der ­Titelleiste versteckt. Die App bedient sich erfreulich flott, was auch auf die niedrige Streaming-Rate von 48 kBit/s zurückzuführen sein dürfte – lange Pufferzeiten braucht es nicht. Eine Anbindung an soziale Netzwerke fehlt – Empfehlungen lassen sich ausschliesslich über den Webzugang von rara.com auf Facebook oder Twitter posten.

 

Simfy

Simfy blendet den Player auf seiner Website dezent am unteren Bildschirmrand ein – den restlichen Platz hat man für die Navigation. Die Orientierung fällt zunächst etwas schwer – oben rechts kleben Bedien-elemente, rechts lugen klickbare Laschen hervor und unter dem Simfy-Schriftzug findet sich noch eine Menüleiste. Seine Abspielliste hat man nur im Überblick, wenn man den Player nach oben ausfährt – dann ist allerdings der Bibliotheksbereich überdeckt.

 

Die Abspielliste überdeckt den Katalogbereich, wenn man Simfy mit dem Browser nutzt.

 

 

 

Alternativ gibt es den Desktop-Client für Windows, Mac OS und Linux, der die Bedienung deutlich vereinfacht. Ebenfalls gelungen: die HD-App fürs iPad. Hier blättert man flüssig durch Listen und Alben-cover. Insgesamt fehlt es dem Dienst an vorgefertigten Abspiellisten.

 

Die Android-App ist weniger glamourös, erfüllt aber ihren Zweck. Hier findet sich wieder der am unteren Bildrand angedockte ausfahrbare Player, der in diesem Fall stark am Vorbild des Android-Players des Konkurrenten Spotify angelehnt ist.

 

 

Spotify

Spotify ist der Vorreiter in Sachen Musik-Flat­rate. Man nutzt den Dienst am PC ausschliesslich über die kostenfreie Player-Software, ein Web-zugang ist nicht vorhanden.

 

Der Spotify-Player erinnert stark an iTunes. Zunächst bekommt man die Neuerscheinungen, beliebtesten Playlisten und Titel präsentiert. Über die linke Navigationsleiste kann man weitere Bereiche erkunden. Über „Geräte“ verwaltet man die am Spotify-Account angemeldeten Mobilgeräte: Spotify kann sowohl Titel aus dem Streaming-Katalog als auch Musik aus der eigenen Sammlung vom PC automatisch per WLAN aufs Mobilgerät synchronisieren. Als Beta-Version bietet der Dienst so genannte „Spotify Apps“ – hier lassen sich zusätzliche Funktionen nachinstallieren – zum Beispiel Scrobbeln über Last.fm oder Nachladen von Songtexten via TuneWiki. Die Spotify-Apps für iOS und Android machen wenig her, eine spezielle iPad-Version gibt es bisher nicht. Praktisch: In der Player-Ansicht kann man durch Wischen über die Albumbilder durch die Abspielliste navigieren. Die Anbindung an soziale Netzwerke ist holprig – nur unter iOS gelang das Posten von Nach-richten bei Twitter und Facebook, allerdings über den Umweg des Browsers. Mit dem offiziellen Start sollte auch die Verbindung mit der Facebook-Timeline funktionieren.

 

Fazit

Schon für 6 Franken monatlich bekommt man bei den meisten Anbietern vollen Zugriff auf Millionen Titel und kann sie mit gutem Gewissen am PC oder Notebook geniessen. Den besten Sound liefern dabei Simfy und Spotify.

 

Sobald man sich vom PC als Abspielstation entfernt, wird es komplizierter. Hier ist schon ein genauer Blick auf die vorhandenen Abspiel-geräte nötig, um den passenden Dienst zu finden. Deezer und Simfy machen zum Beispiel auf dem iPad eine gute Figur. Auf Android-Geräten liegen alle Testkandidaten dagegen dichtauf – ein richtiger Überflieger ist nicht dabei. Wer die Musikdienste mit älteren Handys nutzen möchte, sollte bei Deezer oder bei Spotify vor­beischauen.

 

Um die Musik-Flatrate ins Wohnzimmer zu holen, dürfte der einfachste Weg über ein iOS-Gerät und die hierfür in Massen vorhandenen Docking-Lösungen führen. Wenn man schon vernetzte Unterhaltungstechnik in der guten Stube stehen hat, kann man den einen oder anderen Dienst vielleicht ohnehin nutzen. Nicht zuletzt dürften die Musik-Abos manch jugendlichen Geburtstagstisch schmücken, sind sie doch ein bequemer Weg, den musikalischen Durst des Nachwuchses auf einfache und legale Weise zu stillen.

 

 

 

 

Weitere Infos im Web:

http://www.deezer.com
http://www.rara.com
http://www.sify.de
http://www.spotify.com
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