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22.04.2012 / Test: Wharfedale Jade 5 / Martin Freund

DIE NEUE OFFENHEIT

Britische High Fidelity hatte bisher eher den Status diskreter Klangkultur. Umso erstaunter waren wir beim Anhören dieser Anlage: Die Standbox Wharfedale Jade 5 zeigt im Zusammenspiel mit Vor- und Endstufen von Audiolab ein selten erlebtes Ausmass an ­Transparenz. Ideal für die Wiedergabe hochauflösender Tonformate.
 

 

Audiolab wie auch Wharfedale gehören seit einigen Jahren zur International Audio Group – kurz IAG –, zu der weitere renommierte Marken wie Quad, Mission oder auch Luxman zählen. Entwickelt wird nach wie vor in England, während die Fertigung in eigenen Produktionsstätten in China vonstattengeht. So ist man in der Lage, hochwertige Technik zu äusserst attraktiven Preisen anzubieten. Unser Test zeigt, dass man auch bei der Verarbeitung keine Abstriche hinnehmen muss. High Fidelity made in China kann bei entsprechender Qualitätskontrolle ganz offensichtlich hohe Ansprüche erfüllen.

 

Schnörkelloses, sachliches Design

Beim 8200DQ von Audiolab handelt es sich um eine interessante ­Neuentwicklung – nach eigenen Angaben eine der aufwendigsten in der Firmengeschichte: Das Gerät ist in vierlagiger SMD-Technik mit ­ins­gesamt 1700 Bauteilen aufgebaut. Herausgekommen ist nicht nur ein „klassischer“ Vorverstärker, sondern eine echte Digitalvorstufe mit ­integriertem Hightech-DA-Wandler vom Hersteller ESS. Der Sabre 32 arbeitet intern mit 32-Bit-Auflösung und einer extrem hohen Rechenfrequenz von über 80 MHz. Dieser Mehrkanal-taugliche Chip übernimmt sonst viel komplexere Aufgaben in AV-Receivern oder Blu-ray-Spielern. Hier wird die ganze Rechenpower für sogenanntes Upsampling des Digitalsignals eingesetzt. Die 44,1 kHz einer CD beispielsweise ­werden auf atemberaubende 84,672 MHz hochgerechnet. Zweck dieses Unterfangens ist der Einsatz von Digitalfiltern weit jenseits des Hör­bereichs, der durch impulsverschlechternde Phasendrehungen kaum noch tangiert wird. Audiolab stellt dem Hörer nicht weniger als sieben verschiedene Filtercharakteristiken zur Auswahl, die er bequem per Fernbedienung anwählen kann. Ob und inwieweit dies den Klang beeinflusst, muss der Hörtest klären.

 

Obwohl der Sabre-12-Wandler bereits von Haus aus eine effiziente Reduzierung digitaler Taktschwankungen mitbringt, hat Audiolab der Vorstufe eine weiterreichende Jitter-Reduktion mittels eigenen Taktgenerators spendiert. Dies ist insbesondere bei den hohen Taktraten bis zu 192 kHz sinnvoll, die der 8200DQ sowohl per Koax, Lichtleiter wie auch USB akzeptiert. Gerade bei der Zuführung von USB-Signalen ab einem PC ist Jitter-Unterdrückung wichtig. Hier setzt Audiolab auf ein sogenannt asynchrones Verfahren, bei dem der Audiolab-Wandler das Timing der Audio-Datenübertragung über eine USB-Rückmeldeschleife regelt: Anhand des eigenen Schrittmachers teilt der DQ dem Computer mit, wenn er bei Bedarf die Übertragungsgeschwindigkeit reduzieren oder erhöhen soll. Damit werden insbesondere negative Auswirkungen von überfüllten oder leeren Pufferspeichern, wie zum Beispiel Dropouts, Knacken oder Klicken, vermieden. Voraussetzung ist der Einsatz eines kompatiblen Software-Players. Hier empfiehlt Audiolab Foobar 2000, einen schlanken, dabei übersichtlichen Freeware-Spieler, der auch mit FLAC-Dateien sehr gut zurechtkommt und passende Treiber selbständig installiert.

 

Bei der Jade 5 arbeiten zwei 16,5-Zentimeter-Tieftöner in einem aufwendig stabilisierten, aperiodisch bedämpften Gehäuse. Auffällig sind die getrennten Frequenzweichen für den Tief- und Mittelhochtonbereich sowie das Gussgehäuse für den Mitteltöner.

 

 

Auch äusserlich präsentiert sich der 8200DQ puristisch und dennoch elegant. Die lediglich 8 Zentimeter hohe Front wirkt aufgeräumt und übersichtlich. Das Display zeigt bei Digitalquellen die Datenrate und die Auflösung an: So prangt hier stolz 24 Bit 192 kHz bei der Wiedergabe entsprechender USB-Files. Die Verarbeitung des zierlichen Geräts lässt nichts zu wünschen übrig. Der massive Aludeckel würde wohl auch bei rüdesten Klopfattacken nicht scheppern. Zu den Ausstattungs-Extras zählen sym­metrische Ausgänge sowie ein niederohmiger Kopfhörerverstärker in Class-A-Technik. Interessant nicht nur für Hörvergleiche: Sowohl ­Digital- wie Analogeingänge lassen sich im Pegel dB-genau abgleichen. Analog zugeführte Signale bleiben schaltungstechnisch im Übrigen komplett auf der analogen Ebene und werden nicht etwa intern digi­talisiert.

 

Schnörkelloses Design und gute Ausstattung: Bei der Digitalvorstufe 8200DQ überzeugen sowohl die Front- wie die Rückseite mit durchdachtem Layout und toller Verarbeitung.

 

Mit der handlichen und haptisch sehr angenehmen Vollfunktionsfernbedienung freundet man sich schnell an. Sie steuert gegebenenfalls auch noch den im Design passenden UKW-/DAB+-Tuner 8200T (Preis: 1000 Franken) mit, der digital an den 8200DQ andocken und so die ­maximale Klangqualität von DAB/DAB+ entfalten kann.

 

 

Kraftwürfel

Relativ wenig Technisches gibt es über die Endstufen-Monoblöcke 8200MB zu berichten, die – wenn man einschlägigen Foren glauben darf – auf eine ehrwürdige Verwandtschaft mit ehemaligen Referenzkomponenten der inzwischen vom Markt verschwundenen britischen Edelschmiede TAG McLaren zurückblicken dürfen. Sie arbeiten nur mit ­einem geringen Mass an Über-alles-Gegenkopplung, hingegen mit gezielten lokalen Stabilisierungen in sämtlichen Verstärkerstufen. Dies soll sie besonders unempfindlich gegen Impedanzschwankungen im gesamten Frequenzbereich machen. Audiolab reklamiert für die 8200MB je 250 Watt an 8 Ohm und damit die Bereitschaft, so gut wie jeden Lautsprecher zu Höchstleistungen anzutreiben. Die kompakten Blöcke sind mit einer Ein- und Ausschaltautomatik ausgestattet. So kann man sie nahe bei den Lautsprechern platzieren, und der Dämpfungsfaktor der Endstufen wird nicht durch lange Kabel unwirksam gemacht.

 

250 Watt auf engstem Raum: Die kompakten Monoblöcke 8200MB sind thermisch durchoptimiert. Auch im Leistungsbetrieb werden sie nur handwarm.

 

 

 

Neue Wege

Auch beim Traditionshersteller Wharfedale kommt nach wie vor britisches Engineering zum Zug. Und zwar in der Person der Boxenentwickler-Legende Peter Comeau, der früher bei Harbeth und Mission das ­Sagen hatte. Schaut man sich das zweitgrösste Modell innerhalb der neuen Jade-Linie an, so sieht man, dass Comeau und sein Team scheinbar ohne Rücksicht auf Material und Kosten aus dem Vollen schöpfen durften. Die wunderschön in Echtholzfurnier gestaltete Box zeigt sich in modernem Design, wobei der nach hinten gerundete Korpus akustischen Erfordernissen ebenso gerecht wird. Aufgrund der aufwendigen Innenverstrebung neigt dieses Gehäuse weniger zu stehenden Wellen und Resonanzen. Solche zu vermeiden, ist auch die Aufgabe der aperiodischen Bassbedämpfung. Anstelle herkömmlicher Bassreflexöffnungen, die ein ausgeprägtes Strahlungsmaximum bei der Tuningfrequenz aufweisen, nutzt die hier angewandte Reflexkonstruktion die von den beiden Basstreibern rückwärtig abgestrahlte Schallenergie im Tieftonbereich wesentlich sanfter. Sie tritt über speziell bedämpfte Öffnungen kontrolliert durch den Sockel nach unten hin aus. Dies soll Dröhneffekte, wie man sie von schlecht abgestimmten Reflexboxen her kennt, ­minimieren.

 

Alle Treiber sind grundlegende Neuentwicklungen: Auffällig ist der 7,5-Zentimeter-Mitteltöner, der in einem eigenen Gussgehäuse sitzt und über eine Langhubsicke verfügt. Dadurch kann er trotz geringem Durchmesser schon bei sehr tiefen Frequenzen angekoppeln. Als Membran-mate­rial kommt wie bei den Tieftönern ein Aluminium-Glas-/Karbonfaser-Verbund zum Einsatz. Diese Membran soll im genutzten Frequenz-­bereich sehr steif agieren, gleichzeitig am oberen Ende auch nicht in unschöne Partialschwingungen aufbrechen. Die Konusse sind durch­gehend konkav, was ihnen dabei hilft, exakt kolbenförmig ein- und auszuschwingen. Da die grosszügig dimensionierte Schwingspule des Mitteltöners weit aussen an der Membran ansetzt, kann man fast schon von einer grossen Inverskalotte sprechen. Die Tieftonmembranen verfügen zusätzlich über eine stabilisierende Prägung. Einen zentralen Entwicklungsschwerpunkt bei den Treibern bildete eine gute Impulswiedergabe. Dazu wurde eine besondere Magnet-Topologie geschaffen, dank der die Membranen auch bei extremen Auslenkungen das lineare Kraftfeld nie verlassen. Nicht zuletzt sollen phasenkohärente Frequenzweichen dazu beitragen, dass dieser Mehrweglautsprecher besonders homogen tönt.

 

Verblüffende Klangtransparenz

Zunächst durfte die Audiolab/Wharfedale-Kombi ein Wochenende lang einlaufen, bevor sie zum Hörtest antreten musste. Und bereits bei den ersten Hörkontakten vermochte sie zu beeindrucken. Die Jade 5 ­gehört ganz offensichtlich nicht zu den Boxen, mit denen man sich ­vorzugsweise erst über einen längeren Zeitraum anfreunden muss. Sie verblüfft auf Anhieb mit einer ungemein offenen und vitalen Gangart sowie einer raumfüllenden Wiedergabe, die Musikkonserven als spektakuläres Ereignis zu neuem Leben erweckt.

 

 

Auffällig ist die Mühelosigkeit der Ansprache, die die Standbox im Zusammenspiel mit den Audiolab-Verstärkern selbst bei geringer Abhörlautstärke offenbarte. Tonal zeigt sie sich sehr breitbandig und ausgewogen. Auch im Bass- und Grundtonbereich serviert sie schon bei zivilen Pegeln ein vollwertiges Klangbouquet. Darüber entfalten sich unglaublich transparente Mitten und perfekt dosierte Höhen, womit die Box aus guten Aufnahmen ein schier unglaubliche Transparenz herausholt. Dabei fällt auf, dass die Jade 5 auch im Präsenzbereich sehr linear agiert – da, wo viele Entwickler ihren Boxen über eine leichte Zurückhaltung künstlichen Charme anerziehen. Die Wharfedale klingt sehr verfärbungsfrei und im besten Sinne analytisch. Man könnte sie zweifellos als Studiomonitor zur Beurteilung von Aufnahmen heranziehen. So hat man stellenweise tatsächlich das Gefühl, live in den Aufnahmeraum hineinzuhören. Bezüglich Timing und Impulsgenauigkeit agiert diese Anlage aussergewöhnlich gut. Das zeigt sich sehr schön bei ­perkussivem Jazz, wo sie ein regelrechtes musikalisches Feuerwerk ­abbrennt. Filigrane Schlagzeugbecken und rollende Jazzbass-Läufe vereinen sich mit dem perlenden Diskant des Pianos zu einem fast schon überschäumenden Klangereignis. Auch Blechbläser kommen mit dem passenden goldenen Brass-Glanz und schmettern herrliche Solos in den Abhörraum.

 

Fast noch mehr Hörspass generiert die Kombi bei Pop- und Rock­musik. Und macht dabei gleich mit dem Vorurteil Schluss, dass Highend-Audio vorwiegend ein Thema für Liebhaber „ernster“ Musik sei. So wird Mark Knopflers Song Boom, Like That  ab dem Album Shangri-La  in der High-Resolution-Version (www.hdtracks.com) zum audio­philen Schlüsselerlebnis. Diese Aufnahme zeigt, dass auch populäre Unterhaltungsmusik von der Dynamik und der Breitbandigkeit der Wiedergabekette enorm profitiert. Und die Wharfedale setzt das richtiggehend prächtig mit groovenden Bässen, sattem Grundton und wunderbaren Klangfarben in Szene. Aber auch differenzierte Blues- und Folk-Titel wie If I Could Sing Your Blues von der Songwriterin Sarah K. ab dem Album No Cover (www.hdtracks.com) erklingen bezaubernd echt und unverfälscht.

 

 

Bei klassischer sinfonischer Musik beweist die Wharfedale Übersicht und lässt sich auch bei Fortissimo-Stellen nicht aus der Ruhe bringen. Sakrale Vokalmusik bringt sie mit präziser Lokalisierung der Sänger und hoher Ortungsschärfe. Die räumliche Darstellung darf als sehr weiträumig, losgelöst und dennoch präzise gelten. Grosse Instrumente wie einen Konzertflügel oder gar eine Kirchenorgel setzt die Jade 5 ­monumental in Szene. Bei Streichern zeigt sich, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt und deren kratzige Anteile nicht unterschlägt. Sie ist also kein Weichzeichner, der sensible Ohren vor jeglichen Misstönen bewahrt, sofern solche auf einer Aufnahme vorhanden sind. Dennoch kann man sagen, dass die gesamte Kombination mit einer sehr fein definierten Hochtonzeichnung aufwartet.

 

Raum für Feintuning

Subtil, aber nachhaltig kann man den Klangcharakter der Anlage über das variable Digitalfilter beeinflussen – und dies sowohl im Digital­verbund mit einem CD-Spieler wie auch beim Musik-Streamen via USB. Schnell findet man unter den sieben Filtervarianten seine persönlichen Favoriten. Atemberaubende räumliche Transparenz und Hochtonauf­lösung bietet Optimal Transient DD, am meisten Langzeit-Hörspass Slow Rolloff.  Letzteres bewährt sich auch bei Aufnahmen, die sonst zu analytisch klingen.

 

FAZIT

Alle Komponenten dieser Anlage können mit vielen teureren Vergleichsgeräten problemlos mithalten und verdienen zweifelsfrei das ­Attribut „highendig“. Ihr Klangcharakter zeichnet sich durch eine vitale, schlackenfreie und aussergewöhnlich transparente Wiedergabe aus. Damit mögen sie zwar Anhänger diskreter Töne eher abschrecken. Wer aber einmal Musiktitel in 24 Bit und 96 oder gar 192 kHz über diese Anlage gehört hat, merkt sehr schnell, dass HD-Audio richtiggehend süchtig machen kann.

 

 

 

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