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01.06.2011 / Test Android Luxustelefone / J. Bager, A. Barczok, V. Briegleb, L. Labs

INVASION DER ANDROIDEN

Android-Smartphones sind weiter auf dem Vormarsch. Googles mobilem Betriebssystem hat anscheinend kein Hersteller etwas entgegenzusetzen. Nicht einmal das frisch gebackene Paar Microsoft und Nokia.

 

Die Neuheiten der diesjährigen Mobilfunkmesse in Barcelona standen ganz im Zeichen von Android. Fast zwei Dutzend Android-Smartphones, mehrere Android-Tablets (siehe Folgeartikel), unzählige Webdienste und Apps für Googles Betriebssystem präsentierten die Aussteller. Die Stände mit Produkten für konkurrierende Betriebssysteme wie Blackberry, WebOS und iOS gingen im grünen Dickicht fast unter. Auch Microsoft und Nokia hatten wenig, um gegenzusteuern: Mit leeren Händen waren die frisch vermählten Partner nach Barcelona gekommen, die ersten Nokia-Smartphones mit Windows Phone 7 gibt es frühestens 2012. Und Apple bleibt der Messe traditionell fern.

 

Bei den Highend-Androiden setzt sich der Trend zu immer grösseren Displays und einer flotteren Anbindung an das Netz fort: Fast alle ­kommen mit der schnellsten WLAN-Variante 802.11n und HSDPA-Geschwindigkeiten von 10,2, 14,4 oder gar 21,6 Mbit/s. Einige Hersteller setzen auf Doppelkern-Prozessoren, Business-Funktionen, NFC-Chips (siehe Artikelende), HDMI-Ausgänge oder 3D-Fähigkeiten.

 

Samsung stellte sein nur 8,5 Millimeter dickes Galaxy S II vor. Für das 4,3-Zoll-Display nutzt Samsung eine nun Amoled Plus genannte Technik, die nicht nur weniger Energie verbrauchen soll als die erste Amoled-Generation, sondern vor allem mit 0,01 Millisekunden Reaktionszeit extrem schnell und besonders kontrastreich sein soll. Ausserdem sind die Pixel wie bei einem normalen IPS-LCD angeordnet – die unruhigen Farbränder bei scharfen Linien der Amoleds gehören damit der Vergangenheit an. Angetrieben wird das Smartphone vom hauseigenen Dual-Core-Prozessor Exynos 42010 – laut Medienberichten soll es jedoch auch in einer Version mit Tegra 2 auf den Markt kommen, angeblich weil die eigenen Produktionskapazitäten nicht ausreichen. Samsung wollte dies auf Nachfrage jedoch nicht bestätigen.

 

Harte Zeiten für den ­Datenschutz: Viewdle stellt die Mittel dafür bereit, dass Entwickler Gesichtserkennung in ihre Apps einbauen können.

 

 

In Kooperation mit Facebook baut HTC zwei Facebook-Han­dys. Das Chacha und das Salsa haben eine Facebook-Taste, mit der man Bilder, Webseiten und andere Inhalte direkt an das soziale Netzwerk weiter­leitet. Das Chacha besitzt ein 2,6-Zoll-Mini-Display und darunter eine vierzeilige Qwertz-Tastatur; das Salsa hat eine Bildschirmtastatur, es sieht mit seinem 3,4-Zoll-Display wie die meisten HTC-Smartphones aus – abgesehen von der Facebook-Taste. Beide will HTC im zweiten Quartal 2011 auf den Markt bringen.

 

In die Hand nehmen durfte man die HTC-Neuauflagen von Desire, Wildfire und Incredible. Die aktualisierten Modelle hängen ein „S“ an den Namen und haben die vier Android-üblichen Sensortasten unterhalb des Displays, aber kein optisches Trackpad mehr. Das Desire S ­besitzt einen schwarzen Alu-Unibody und ein 3,7-Zoll-Display mit 480 x 800 Bildpunkten. Das Incredible S ist bei gleicher Auflösung mit 4-Zoll-Display das grösste der neuen HTC-Androiden und unterscheidet sich vom Desire S vor allem durch die Kamera: 8 Megapixel statt 5 und eine Dual-LED.

 

Den grössten Sprung macht das Wildfire: Das Wildfire S hat mit 320 x 480 Pixeln die doppelt so hohe Auflösung wie das erste Modell; allen drei baut HTC ein Super-LCD ein. Wildfire S und Desire S starten mit Android Gingerbread und haben Sense UI 2.1 installiert, das vor allem einige neue Widgets und Sortierfunktionen in den Menüs bietet. Das Incre­dible S soll beides in einem späteren Update erhalten.

 

 

 

 

Spielzeuge

LG will bei seinen Smartphones künftig mit 3D punkten. Das mit einem Tegra-2-Prozessor ausgestattete Optimus 3D hat nicht nur wie das ­LG-Tablet eine Doppellinsenkamera, sondern zusätzlich ein 3D-fähiges Display: 3D-Videos kann man ohne Spezialbrille auf dem Gerät betrachten – zumindest wenn man das Handy in einer idealen Position vor sich hält. Auch zum Spielen in 3D soll es sich gut eignen.

 

 

Sony Ericsson Xperia Play

 

 

Als Spiel-Smartphone konkurriert das Optimus 3D mit dem Xperia Play von Sony Ericsson: Das Playstation-Handy versteckt unter dem 4-Zoll-Touchscreen ein ausschiebbares Controlpad mit den PSP-typischen Bedienelementen. Zum Start des Smart­phones sollen 50 Titel verfügbar sein, von denen viele mit Multiplayer-Modus kommen und für das Xperia Play optimiert sein werden.

 

Zudem stellte Sony Ericsson zwei weitere Smartphones vor: Das Xperia Pro richtet sich mit vierzeiliger Qwertz-Tastatur an Vielschreiber, das etwas kleinere Xperia Neo mit HDMI-Ausgang an Multimedia-Begeisterte. Ansonsten unterscheiden sie sich kaum voneinander: Sie bieten ein 3,7-Zoll-Display mit 854 x 480 Bildpunkten; auf beiden läuft die neuste Android-Version Gingerbread. Die 8-Megapixel-Kameras mit Blitz nehmen Videos in 720p-Qualität auf, Sonys Exmor-R-Sensor soll auch bei schlechten Lichtverhältnissen rauscharme Bilder produzieren.

 

Acer bleibt beim Iconia Smart bei der Bezeichnung Smartphone, ­obwohl es mit seinem 4,8-Zoll-Display wesentlich grösser ist. Die Auf­lösung liegt bei 1024 x 480 Pixeln – Breitbild-Kinoformat. Da es kaum breiter ist als andere Smartphones, liegt es damit noch recht gut in der Hand; im Querformat sind die meisten Webseiten in Originalgrösse ohne horizontales Scrollen benutzbar.

 

Motorola hatte keine echten Neuheiten im Gepäck. Das amerika­nische Unternehmen kündigte lediglich an, sein Tastaturmodell Droid Pro unter dem vereinfachten Namen Pro auch auf den europäischen Markt zu bringen. Eine andere Zielgruppe spricht Sonim mit einem interessanten Einfach-Handy an: Das XP3300 Force besetzt die Nische besonders widerstandsfähiger Handys; es ist nach IP68-Standard wasser- und staubdicht und soll bei Temperaturen zwischen –20 °C und +55 °C betriebsbereit bleiben.

 

Und läuft und läuft . . .

Das grösste Problem der neusten Smartphones ist die Akkulaufzeit – mehr als einen Tag kommen die mobilen Computer kaum ohne Nach­laden aus. Für Reisen weitab von Steckdosen präsentierte das schwedische Unternehmen MyFC sein portables Ladegerät Powertrekk, das seine Energie aus einer Brennstoffzelle bezieht. Eine Brennstoffpatrone soll ein übliches Smartphone einmal aufladen können und zudem den integrierten Akku des Ladegerätes befüllen – dies reicht für eine wei­tere Smartphone-Ladung. Insgesamt erzeugt die Patrone eine Ladung von 9 Wattstunden. Der Brennstoffzellenlader soll im Herbst für etwa 250 Franken in den Handel kommen, die Powerpukk genannten pro­prie­tären Patronen sollen 2.50 Franken kosten.

 

Bei den Aufladern des amerikanischen Unternehmens Powermat müssen sich die Nutzer nicht mit Ladekabeln herumschlagen: Mittels ­Induktion und spezieller Adapter dienen Ladematten als drahtloses Universalladegerät für Smartphones und andere akkubetriebene Geräte. Dazu müssen die zu ladenden Geräte mit einer speziellen Induktionsspule ausgerüstet sein. In den USA verkauft Powermat bereits einige Hüllen mit integriertem Adapter, etwa für das iPhone 4 oder verschiedene Blackberry-Smartphones. Nach Unternehmensangaben wird es eine enge Zusammenarbeit mit Nokia geben: Die Powermat-Ladetechnik soll direkt in einige Nokia-Smartphones eingebaut werden, ein zusätzlicher Adapter ist dann nicht mehr notwendig. Bei der Energieübertragung verspricht Powermat einen Wirkungsgrad von 90 Prozent. Matten und Adapter sollen ab dem zweiten Quartal erhältlich sein.

 

Wirtschaftsfaktor Apps

Der Füllstand der App-Supermärkte von iPhone, Android und Co. ist ein wichtiges Entscheidungskriterium für den Kauf eines Smartphones. So war auch der Messebereich App Planet in diesem Jahr so gross wie nie zuvor, und an den Programmier-Sessions zu allen Mobilplattformen nahmen laut Messegesellschaft mehr als 12 000 Entwickler teil.

 

An den Ständen liessen sich so einige Software-Highlights für Smartphones und Tablets ausprobieren, etwa neue Browser von ­Opera, Bitstream (Bolt) und Access. Access, das seine Software in der Vergangenheit direkt an Gerätehersteller verkauft hat, setzt nun auf werbefinanzierte Apps. Neben einem neuen Browser NetFront Life 2.0 gibt es weitere kostenlose Programme: den Dokumentenbetrachter Life Documents, Life Screen, eine interessante Alternative für den Homescreen, und die Schrifterkennung Graffiti. Diese stammt aus dem Erbe des Unternehmens PalmSource, das Access im Jahr 2005 übernommen hat.

 

Das deutsche Start-up Petitpetit zeigte eine Betaver­sion seiner alternativen Android-Oberfläche PTPT. Das per Multitouch bedienbare ­Interface ist für grossformatige Smartphones und Tablets optimiert. Es verknüpft alle Nutzerdaten anhand der vier Aspekte Menschen, Dinge, Orte und Zeit, um sie schnell auffindbar zu machen. Eine Version für Windows-7-Tablets gibt es schon länger.

 

Sicher ist sicher

Neue Sicherheitsfunktionen kommen von den bereits aus dem PC-Bereich bekannten Unternehmen AVG und Kaspersky: Sie stellten An­droid-Versionen ihrer mobilen Security-Suiten vor. Laut Kaspersky gibt es bereits knapp 2000 Bedrohungen für Android – täglich kommen ein paar hinzu. Kasperskys ­Mo­bile Security 9 enthält ausser dem Virenschutz auch eine Diebstahl-Verfolgungs-Funktion und einen Anruf- und SMS-Filter; die AVG-Suite soll Android-Phones ebenfalls aus der Ferne sperren sowie auf dem Gerät gespeicherte Inhalte löschen können.

 

Die Schweizer Software-Firma Myriad will Android-Apps auf anderen Plattformen zum Laufen bringen. Dazu bettet sie ihr Alien Dalvik, eine spezielle Version der virtuellen Java-Maschine von Android, ins System ein. Anwendungen sollen ausreichend schnell ablaufen. Das amerikanische Start-up Viewdle präsentierte eine Gesichtserkennungssoftware, die Datenschützern einen kalten Schauer über den ­Rücken jagen dürfte. Viewdle erkennt selbst Gesichter, die man mit ­einer wackeligen Handykamera aus der Hand aufs Korn nimmt. Nach Angaben des Standpersonals genüge ein gutes Dutzend Frames, um ein Gesicht zuverlässig zu lernen. Viewdle will seine Technik demnächst als Android-SDK herausbringen.

 

Abseits vom Messegelände wurden im Rahmen der Mobile Premier Awards Start-ups für interessante App-Ideen prämiert. Zu den Preis­trägern zählt Cardmobili, das als Verwaltung für Mitgliedschafts- und Bonuskarten die Plastikkartenstapel in der Geldbörse vermeiden helfen soll. Mit der App des Berliner Start-ups Wahwah.fm können Nutzer Musik von einem iOS-Gerät aus an Freunde streamen. Spork betreibt eine Art soziales Netzwerk, das Ausgeh-Empfehlungen nicht nur auf einzelne Restaurants, sondern sogar auf einzelne Menüs herunterbricht – derzeit aber nur in einigen amerikanischen Städten.

 

Das App-Dilemma

Der App-Boom hat aber auch Nachteile, vor allem für die Netzbetreiber. Sie plagt vor allem die Sorge, dass sie zwar viel Geld in die Aufrüstung ihrer Netze stecken, bei der Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle aber abgehängt werden könnten. Ihre Kosten steigen, während der durchschnittliche Umsatz pro Kunde seit Jahren im Sinkflug ist. Das drückt auf die Marge und macht die Anleger nervös. Die Netzbetreiber versuchen daher, den Plattform-App-Stores mit der Wholesale Applications Community (WAC) einen eigenen Standard entgegenzusetzen. Einen konkreten Termin für den kommerziellen Start hat die Ini­tiative noch nicht bekannt gegeben.

 

Bei der Suche nach weiteren Einnahmequellen setzen die Mobilfunkunternehmen auch auf mobiles Bezahlen. So sieht Telefónica O2 mit dem steigenden Angebot an internetfähigen Smartphones die Zeit für mobile Bezahlsysteme gekommen. Das Unternehmen hat das gemeinsam mit der Deutschen Telekom und Vodafone entwickelte Mpass vereinfacht. Die Telekom setzt darüber hinaus auch auf NFC (Near Field Communication) für den kontaktlosen Zahlungsvorgang. Das Handy wickelt dabei über einen NFC-Chip die Transaktion mit der entsprechenden Gegenstelle per Kurzstreckenfunk ab. Zahlreiche Netzbetreiber, darunter Telefónica, Vodafone und die Telekom, werden nach eigenen Angaben im kommenden Jahr erste NFC-Dienste einführen. Mobile Zahlungsdienste sind in anderen Regionen der Welt längst ­Alltag, Europa hat hier grossen Nachholbedarf. Das soll sich ändern: „Mobile Payment“ und NFC dürften auf den kommenden Messen eine immer grössere Rolle spielen.

 

 

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